Mondtäuschung - oder warum die Sonne am Horizont größer zu sein scheint
Wie ein riesiger Glutball versinkt die Sonne im Meer, dabei war sie Mittags noch eher ein kleiner heißer Punkt. Und der Mond steht wie ein gigantisches Rad am Horizont, obwohl er dann am Nachthimmel wieder wie unser kleiner ferner Trabant aussieht. Wieso ist das so? Bei diesem Phänomen handelt es sich um eine optische Täuschung, die von der Wahrnehmungspsychologie unter dem Begriff Mondtäuschung erklärt wird. Eine physikalische oder astronomische Ursache gibt es nicht.
Grund für die unterschiedliche Größenwahrnehmung von Sonne und Mond sind aber weder - wie oft vermutet - die “Rötung” (in Horizontnähe gelangt ein größerer Anteil an rotem Licht zum Auge des Beobachters) noch die Lichtbrechung durch die Atmosphäre. Der Beweis dafür ist einfach: Dann müsste nämlich die Größenveränderung von Sonne und Mond auch auf Fotos zu sehen sein, was aber nicht der Fall ist.
Obwohl sich die Menschen schon seit Jahrhunderten mit diesem Phänomen beschäftigen (angefangen bei den Babyloniern im 6. Jahrhundert v. Chr. über Leonardo da Vinci und Johannes Kepler bis zur heutigen Wahrnehmungspsychologie), ist es noch immer nicht eindeutig geklärt, bleiben Widersprüche bei den unterschiedlichen Erklärungsansätzen. Die derzeit anerkanntesten und von vielen Experimenten untermauerten Begründungen sind dabei die der falsch eingeschätzten Entfernung mit dem abgeflachten Firmament und das Prinzip der Vergleichsobjekte.
Wesentlich für die korrekte Größenwahrnehmung eines Gegenstandes ist die Information über dessen tatsächliche Entfernung zum Beobachter. Aus der Größe der Abbildung (dem Sehwinkel) eines Objekts auf der Netzhaut und dem gleichzeitig vorhandenen Wissen über dessen Entfernung “errechnet” das menschliche Gehirn unbewusst die tatsächliche Größe des Objekts, indem es auf die Erfahrung zurückgreift, dass ein naher Gegenstand ein größeres Abbild auf der Netzhaut hervorruft als derselbe, weiter entfernte Gegenstand.
Wahrnehmungstäuschungen entstehen meist dann, wenn eine unbewusste falsche Einschätzung der Entfernung vorliegt. Beispiel dafür ist der hoch stehende Mond oder auch der “Spielzeugautoeffekt”: Wenn man von einem hohen Turm hinunterschaut, wird mangels Erfahrung die Entfernung unterschätzt und die Autos unten werden kleiner, wie Spielzeugautos, wahrgenommen. Wird die Entfernung fälschlicherweise überschätzt, wird der Gegenstand größer oder als gerade so groß wahrgenommen, wie er sein müsste, um in dieser überschätzten größeren Entfernung die Größe auf der Netzhaut zu erzeugen. Ein Beispiel dafür ist der Mond in Horizontnähe, die “Mondtäuschung”: Da zwischen Mond am Horizont und Betrachter viel mehr Gegenstände (Bäume, Häuser, Hügel etc. - mehr “Tiefeninformation”) liegen als zwischen Mond oben am Himmel und Betrachter, wird die Entfernung fälschlicherweise als größer eingeschätzt. Bei größerer Entfernung und gleichgroßer Abbildung auf der Netzhaut müsste der Gegenstand aber größer sein, und somit wird der Mond oder auch die Sonne am Horizont auch größer wahrgenommen.
Zur scheinbaren Größenveränderung trägt auch das Prinzip der Vergleichsobjekte bei: Weil der Mond am Horizont im Vergleich mit kleineren Objekten, etwa Bäumen oder Häusern gesehen wird, wirkt er dort größer, als wenn er hoch stehend im Vergleich mit dem großen Firmament gesehen wird.
Quelle: Dipl.-Psych. Stephan Mayer, Passau, www.psy-mayer.de
